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willkommen in bad friedrichsfelde

Als Juri Gagarin in seiner Umlaufbahn um die Erde flog, war Berlin-Lichtenberg ein Experimentierfeld des industriellen Bauens. Kindergärten, die hier entstanden, wurden für Menschen gebaut, die noch ganz selbstverständlich nach den Sternen griffen. Als das Designerkollektiv anschlaege.de den leerstehenden Kindergarten in der Sewanstraße 122 in Friedrichsfelde entdeckte, war es sich sicher: Von hier aus kann man trefflich in neue Welten vorstoßen. Es gelang eine Besatzung kreativer Universalisten – Autoren, Designer, Fotografen, Künstler – zu versammeln, die aus Gruppenräumen Ateliers und Studios machte. Was ein Kindergarten war, wurde der Heikonaut. Nach kaum einem Jahr ist er ein Ort, dessen kreative Produktion weit über Berlin hinaus Kunden, Förderer und Freunde findet.

Berlins »Kreative« sind in aller Munde. Oft wird gefragt, worauf diese Branche ihren vermeintlichen Erfolg gründet. In London, wo der Begriff der »Creative Industries« geprägt wurde, hat man sogar eine Studie in Auftrag gegeben, die klären soll, was die Erfolgsfaktoren in der deutschen Hauptstadt sind. Dabei ist die Antwort einfach: Berlin bietet Raum. Der Leerstand ist das größte Potential der bankrotten Stadt – vorausgesetzt: Sie erkennt ihn. Europas einst größter Industriestandort steckt in einem Prozess, den man verniedlichend Strukturwandel nennen kann: Ob Borsig, AEG oder Siemens – von dem was Berlin einst groß machte, ist kaum etwas geblieben. So kommt es, dass in leerstehenden Gemüseläden Unternehmen entstehen, die statt Gurken schöpferische Dienstleistungen verkaufen. Und sie werden mehr. Etwa 6.500 Studenten sind in Berlin allein für die Studiengänge Modedesign, Produktdesign, Kommunikationsdesign und Fotografie eingeschrieben. Nach ihrem Abschluss haben sie die Wahl: Berlin zu verlassen, um einen Job zu finden – oder zu bleiben und sich auf das Wagnis einer Existenzgründung einzulassen. hnen einen leeren Laden aufzuschließen und für die Zwischennutzung – also bis ein solventer Mieter auftaucht – nicht mehr zu verlangen als die Betriebskosten, hat sich etabliert.

 
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der heikonaut ist keine zwischennutzung

Das Gebäude wird vom Bezirk Lichtenberg an die Heikonauten unbefristet vermietet. In absehbarer Zeit sollen sie Eigentümer und damit Herren im eigenen Haus werden. Darauf zählen zu können, wenn man als Gründer mit vielen Unbekannten rechnen muss, schafft ein Stück Sicherheit. Mit ihr im Rücken kann man langfristig planen und seine Unternehmungen entwickeln. Kein leerer Laden, der nur bis auf Abruf genutzt werden darf, bietet ein vergleichbares Investitionsklima.

Die offene Struktur und die überschaubare Größe des ehemaligen Kindergartens bieten weitere Vorteile, denn sie machen es möglich, Produktionsmittel und Infrastruktur zu teilen. Dieses Potenzial soll noch erweitert werden, indem im bislang ungenutzten Keller Druckwerkstätten und ein Fotolabor entstehen werden, die jedem Nutzer des Hauses für seine Arbeit offen stehen. Schon jetzt profitieren zum Beispiel das Modelabel c.neeon und anschlaege.de vom Studio der Fotografen Alex Kohout und Anne Kathrin Schuhmann. Dass die Musterkollektionen von c. neeon im gleichen Haus professionell fotografiert werden können, ist nicht Jacke wie Hose. Es ist ein Standortvorteil.

Interdisziplinarität fällt im Heikonaut kinderleicht. Man muss beim Mittagessen in der Küche des Hauses nur über den eigenen Tellerrand sehen und erfährt etwas über Recherchen in Belarus, italienische Textilproduzenten oder den Versuch einer Pilzzucht im Plattenbauten. Ganz beiläufig entstehen daraus Projekte an den Schnittstellen der Disziplinen. Komplexe Aufgaben lassen sich mit der Besatzung des Heikonaut von verschiedenen Seiten angehen und überraschend lösen.

Der Heikonaut ist ein Modellprojekt. Damit er beispielgebend wirken kann, wird seine Entwicklung von einer Studie begleitet. Sie thematisiert seine strukturellen Vorteile gegenüber zwischengenutzten Leerläden und untersucht die Entwicklungspotenziale der »Creative Industries« in Berlin am Beispiel des Bezirks Lichtenbergs. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Umnutzung verwaister öffentlicher Infrastruktur, z.B. ungenutzter Kindergärten, Schulen und Verwaltungsbauten. Bislang versucht Berlin diese Gebäude auf einem zusammengebrochen Immobilienmarkt zu verhökern. Gelingt das nicht, wird abgerissen. In der Sewanstraße 122 wüchse längst Gras, wäre der Kindergarten nicht in den Heikonauten verwandelt worden. Berlin vernichtet sein letztes Pfand, das es auf die eigene Zukunft hat, statt es einzusetzen! Ob »Haus des Lehrers« am Alexanderplatz oder »Orwo-Haus« im Marzahner Industriegebiet – wo immer in letzten Jahren ganze ungenutzte Häuser und kreative Produktion zusammenfanden, entwickelte sich schnell eine gestalterische und ökonomische Dynamik, die weit über Berlin hinaus Beachtung fand. Die Stadt sollte diese Chance nicht verschenken, sondern – zu harten Konditionen – ihren Leerstand.

Berlin wäre damit noch nicht aus dem Schneider. Das Verschenken überflüssiger Immobilien könnte jedoch der Beginn eines lebendigen Aufbruchs werden, vorstellbar wie das Zimmern eines stattlichen Baumhauses: Es ist schnell realisiert, obwohl über dem Boden der Tatsachen befestigt. Rückzugsraum bietet es ebenso wie Ausblicke und neue Perspektiven. Material und Kapital braucht es weniger als Mut. Wer noch ein paar Latten am Zaun hat und hoch hinaus will, kann mitmachen. Es ist ein Raum für den Leichtsinn, den es braucht, um zum Beispiel ein Modelabel zu gründen. Oder ein Journalistenbüro. Der Heikonaut ist ein solcher Ort. Erkundigen Sie sich nach ihm! Er ist das Einfache, das machbar ist.

 
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